Die ganze Welt
in einem Raum
Treffpunkt Boulevard Nr. 76
Ruth Rieser ist ganzkörperlich gelähmt. Sie kann nur ihren Kopf bewegen. Trotz allem liebt sie ihr Leben, ist aktiv, wie und wo immer sie kann. Sie ist unter anderem Schriftstellerin und Mundmalerin.
Die 59-jährige Ruth Rieser liegt im Triemlispital, und dies schon über 33 Jahre. Ihr Zimmer ist sehr hell, hat eine grosse Fensterfront. Sie liegt auf einem Spitalbett, Ihre Beinchen hängen an Bügeln, ihre farblosen Hände sind auf Kissen gelegt. Eine Kanüle ragt aus ihrem Hals und ist an einer Lungenmaschine angeschlossen. Frau Rieser kann selbst nicht atmen. Auch sonst hängen einige Schläuche oberhalb ihres Gesichtes, damit sie zum Beispiel das Telefon bedienen kann. Sie hat in diesem Raum ihre ganze Welt, und wieviele Menschen schaffen es oft nicht, auf der ganzen Welt einen Raum zu finden. Nur ganz selten kann sie hinausgehen, mit dem Rollstuhl, dem Ambu-Absauggerät und der Beatmungsmaschine, und dies immer nur mit Begleitung.
Kinderlähmung
"Mit dreizehn Jahren erkrankte ich an Kinderlähmung", erzählt die Frau in einem etwas abgehackten Tonfluss. Es ist für sie nicht ganz so einfach zu sprechen mit ihrem Beatmungsgerät.
Sie und ihre Schwester wurden eines nachts ins Kinderspital eingeliefert. Ihre fünf Jahre jüngere Schwester wurde gesund, doch das kleine Ruthli wurde durch die Folgen einer schweren Meningitis völlig gelähmt. "Vor meiner Krankheit war ich ein fröhliches Kind, bin gerne gerannt und kletterte immer auf Bäume." Sie ist im Thurgau in einem kleinen Dörfchen geboren und wuchs noch mit zwei Brüdern auf. Ihr Vater war Kaufmann und ihre Mutter führte einen kleinen Lebensmittelladen.
Der Lebenswille war immer da
"Es war, als hätte ich eine Grippe", erzählt sie weiter, "mit ganz heftigen Kopfschmerzen. Über Nacht trat die völlige Lähmung ein." Sie musste im Spital bleiben. "Heimweh plagte mich, diese unmögliche Situation, in der ich wie hineingeboren schien, waren einschneidend in meinem Leben. Ich musste lernen, anders zu leben." Natürlich habe sie lange geglaubt, sie werde wieder gesund.
Auf die Frage, ob sie nie ans Sterben gedacht habe, lacht sie überraschend: "Nein, nein! Ich habe gelebt wie es ging. Musste lernen, die Lungenmaschine zu akzeptieren. Ich hatte immer den Willen zu leben und zu lernen."
Das Lernen
Im Kinderspital, wo die wohnte und ihre Eltern sie oft besuchten, machte sie mit einer Lehrerin den Schulabschluss. "Für mich war es sehr tragisch, dass ich keinen Beruf erlernen konnte", sagt sie, und während des Gesprächs vergesse ich völlig, dass die Frau nur den Kopf bewegen kann. Ich spüre eine unwahrscheinliche Kraft, die von ihr ausgeht. Ihre Augen haben eine aussergewöhliche Ausstrahlung.
Ruth Rieser hat fünf Sprachen gelernt und sich dann dem geisteswissenschaftlichen Studium verschrieben. Oft kamen Studenten in ihr Zimmer und führten da Experimente in Chemie und Physik durch. Auch hat sie einige Kurse der AKAD absolviert. Dann hat die auch angefangen zu schreiben, mit einer Schreibmaschine, die sie per Munddruck selbst bedienen konnte. "1993 habe ich mir den ersten Computer gekauft", erklärt sie. Das Malen habe sie spielerisch entdeckt.
"Meine Behinderung macht mir keine Mühe"
"Waren Sie schon einmal verliebt?" - Frau Rieser lacht herzlich: "Ja, ja. Schon einige Male. Manchmal wusste dieser Mensch etwas davon und es gab so schöne, gute Gespräche. Zeitweise war es auch sehr schwer für mich, verliebt zu sein. Aber ich habe mir das herausgenommen, was gut war. Ich möchte diese Zeit und diese Gefühle nicht missen." Was ihr immer Mühe gemacht habe und heute zum Teil noch, ist die Abhängigkeit. Beim Verrichten der meisten Dinge braucht sie Hilfe.
"Sind Sie oft traurig?" - "Nicht wegen meiner Behinderung", antwortet sie. "Wenn es Schwierigkeiten gibt, kommen sie meistens vom Umfeld, von meiner Umgebung her." Das mache ihr manchmal das Leben schwer. Sie ist mit vielen Menschen zusammen, dem Spitalpersonal, und auch sonst kommen Leute und sprechen sich bei ihr aus. "Ich denke sehr viel über die Dinge nach", erklärt sie. "Das wertvollste an einem Menschen", so Rieser weiter, "ist, wenn er mitfühlen, mitgehen, mitgehen, ein Stück weit verstehen kann und ein guter Gesprächsaustausch stattfindet."
Dinge, die mich betreffen
Am Morgen arbeitet sie meistens am Computer. "Für mich ist ein gewisser Tagesablauf sehr wichtig", erläutert sie. Am Nachmittag lese sie sehr viel, meistens Sachbücher, male, oder sie bekomme Besuch. Sie schreibt täglich. Schon hat sie drei Bücher geschrieben (s.Kasten). "Ich schreibe immer Dinge, die mich betreffen", meint die Schriftstellerin, "denn nur solche Geschichten kann ich wirklich schreiben." Fernsehen schaut sie nicht sehr viel und wenn, dann Reiseberichte, Reportagen oder politische Sendungen.
"Was würden Sie tun," - die gewagte Frage - "wenn Sie einen Tag laufen könnten?" "Ausgehen", sagt sie spontan. "Ich würde rennen. Vielleicht würde ich den ganzen Tag tanzen."
Zukunft
"Ich habe keine grosse Zukunft", gesteht die weise Frau. "Die Gegebenheiten sind nicht da, ich habe keine schönen Befunde erhalten. Aber ich habe keine Angst."
"Was möchten Sie, mit Ihrer Lebenserfahrung, den "Treffpunkt Boulevard"-Lesern und Leserinnen noch sagen?" Rieser:
"Es ist immer wieder wichtig zu sagen, dass auch ein schwieriges Leben durchaus lebenswert, wertvoll, lebbar, sinnvoll, aktiv und positiv ist."
Bücher von Ruth Rieser:

- "Ich liebe mein Leben trotz allem"

- "Den eigenen Weg wagen"

- "Dann und wann ein bisschen Mut"
Text und Foto: Lia De Luca
erschienen im Kunstverlag Au/Wädenswil, Tel. 01 780 21 81